Sehr geehrter Herr Mantey,
ich bin Schüler einer 13. Klasse in Heilbronn und meine GFS geht um das Verhältnis von Franz Kafka und sein Vater. Der literarische Brief dient dazu als Interpretationsaufsatz. Nun suche ich schon seit mehreren Tagen im Internet nach einer geeigeten Interpretation dieses Briefes. Durch Zufall bin ich auf ihre Seite gekommen und da Sie sich so gut mit Kafka auskennen wollte ich Sie fragen, ob Sie mir, wenn Sie Zeit haben, Interpretationsansätze für den Brief bitte schicken könnten.
Ich würde mich sehr darüber freuen wenn Sie auf diese E-Mail antworten könnten.
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Hallo Kaufes91,
"Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet."
Mit diesem Satz beginnt Franz Kafka seinen Roman "Der Process", und was darauf folgt, ist die Odyssee einer Person, die versucht, gegen eine Macht anzukämpfen, die sie weder bestimmen noch wirklich identifizieren kann.
Der "Brief an den Vater" wird immer wieder und gern als Schlüssellektüre angeführt, wenn es darum geht, Zugang zum literarischen Werk von Franz Kafka zu bekommen. In vielerlei Hinsicht wird dies auch richtig sein. Wer sich nun tatsächlich mit Hilfe des Briefes an den Literaten Franz Kafka wagt, wird mit Sicherheit genügend Material finden, um die Themen, mit denen sich Franz Kafka in seinem Werk beschäftigt hat, auf den Vater-Sohn-Konflikt zu beziehen.
Wenn man sich auf diese Weise Franz Kafka nähert, sollte man sich vielleicht bei einer Interpretation des Briefes auf mögliche Parallelen in seinem Werk konzentrieren und versuchen den Charakter des Konfliktes bzw. das Dilemma und seine Folgen herauszuarbeiten.
Was folgt z.B. aus der Angst, die uns hindert oder die als Hinderungsgrund vorgegeben wird, einen Konflikt gegen eine Macht auszutragen, von der wir wissen oder auch nur vermuten , dass sie für uns zu groß und stark ist?
Wir werden in Franz Kafkas Werk immer wieder Stellen finden, die uns in einen ganz bestimmten Gefühlszustand versetzen. In seinem Brief beschreibt Franz Kafka z.B. die folgende Begebenheit:
"Direkt erinnere ich mich nur an einen Vorfall aus den ersten Jahren, Du erinnerst Dich vielleicht auch daran. Ich winselte einmal in der Nacht immerfort um Wasser, gewiss nicht aus Durst, sondern wahrscheinlich teils um zu ärgern, teils um mich zu unterhalten. Nachdem einige starke Drohungen nicht geholfen hatten, nahmst Du mich aus dem Bett, trugst mich auf die Pawlatsche und liessest mich dort allein vor der geschlossenen Tür ein Weilchen im Hemd stehn. Ich will nicht sagen, dass das unrichtig war, vielleicht war damals die Nachtruhe auf andere Weise wirklich nicht zu verschaffen, ich will aber damit Deine Erziehungsmittel und ihre Wirkung auf mich charakterisieren. Ich war damals nachher wohl schon folgsam, aber ich hatte einen innern Schaden davon. Das für mich Selbstverständliche des sinnlosen Ums-Wasser-bittens und das ausserordentlich Schreckliche des Hinausgetragen-werdens konnte ich meiner Natur nach niemals in die richtige Verbindung bringen. Noch nach Jahren litt ich unter der quälenden Vorstellung, dass der riesige Mann, mein Vater, die letzte Instanz fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht aus dem Bett auf die Pawlatsche tragen konnte und dass ich also ein solches Nichts für ihn war."
Immer wieder führt Franz Kafka uns vor Augen, inwieweit das grundlegende Recht auf eine seelisch-körperliche Unversehrtheit ins Wanken geraten kann. Dass es gesellschaftliche Zustände geben kann (auch im Privaten), die uns machtlos und ohnmächtig machen können und denen wir ausgeliefert sind, ohne Hoffnung auf eine vernünftige, bisher vielleicht sogar noch selbstverständliche Ordnung.
Bertholt Brecht sagte einmal zu Walter Benjamin, Kafkas Thema sei „das Staunen eines Menschen, der die ungeheure Verschiebung in allen Verhältnissen sich anbahnen fühlt, ohne den neuen Ordnungen sich einfügen zu können.“ (Walter Benjamin, Gesammelte Schriften VI, S. 433)
Einige bekannte Stücke Kafkas, die um dieses Thema kreisen, sind insbesondere: "Die Verwandlung", "Der Prozess", "Das Schloss", "Vor dem Gesetz" und "Das Urteil".
Schwierig bei dieser Annäherung aber ist immer wieder, dass wir es uns durch diese Reduktion etwas zu leicht machen und die ganze Sache doch sehr vereinfacht und eindimensional betrachten. Der Zugang zu Kafka und dem, was wir damit zu tun haben könnten, geht dabei verloren. Aber dies ist vielleicht ein Nachteil, den alle Wissenschaften haben: Sie sehen irgendwann den Wald vor Bäumen nicht mehr.
"Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar." (Die Bäume - Franz Kafka – Betrachtung)
Mit freundlichen Grüßen
Christian Mantey
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