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Christian Mantey

Christian Mantey
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Kommentar vom 25. April 2010 - s.a. die Ergänzung von Hans-Jörg Große vom 26. April 2010

Die Afghanistan-Lüge - Dokumentation - ZDF vom 8.04.2010

Die Afghanistan-Lüge in der ZDF-Mediathek - bitte hier klicken

Ja, das ist ein informativer Film. Oder soll es nur ein informativer Film sein? Über 40 Minuten bekommen wir dort den Alltag von deutschen Soldaten serviert, die spüren, dass sie sich in Afghanistan im Krieg befinden.

Was mich an diesem Film aber sehr erschüttert, erschreckt und traurig macht sind zwei Dinge:
Wie können Politiker so gemütlich da sitzen, hinter ihnen die Deutsche Fahne, im Anzug und auf einem bequemen Sessel und heute über etwas ganz ruhig und abgeklärt sprechen, was vor ein paar Jahren zu einem Aufschrei geführt hätte, vor ein paar Jahrzehnten undenkbar gewesen wäre. Sie reden über Realitäten, die eigentlich auch heute keine Selbstverständlichkeit sind. Es erschreckt mich, dass eine ganze Gesellschaft, der man über Jahrzehnte die Schrecken von Krieg und Unterdrückung eingetrichtert hat, nun erst einmal an „kriegsähnliche“ Zustände gewöhnt. Wie geht das weiter? Morgen wird man uns vielleicht schon wieder Atomwaffen präsentieren, die uns bedrohen. Es wird in Deutschland einen ersten wirklich furchtbaren terroristischen Angriff geben. Was machen wir dann? Dann stimmen wir zu, dass Deutschland in einen wirklichen Krieg zieht? Ja, dies werden wir tun. Und warum? Weil wir keine Zeit haben werden und uns diese Zeit auch gar nicht erst nehmen, um zu ergründen, was wir in dieser Gesellschaft wollen und wofür wir dann auch kämpfen sollten.

Ich weiß selbst nicht, ob der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan richtig oder falsch ist. Ist ein militärischer Einsatz der einzige, der beste und vernünftigste Weg? Und vor allem, weil ich das nicht weiß, bin ich dagegen. Wir haben uns über die Folgen und über den Sinn, die ein solcher Einsatz hat, genauso wenig Klarheit verschafft wie über die möglichen Alternativen. Schaut man sich die Geschichte Afghanistans an, sollte doch klar sein, dass die militärische Lösung die denkbar ungünstigste ist. Dass man nichts von Zerrissenheit in diesem Film sieht, finde ich sehr erschreckend und macht mich auch wütend. Was sind das nur für Pappfiguren, die hauptsächlich scheinbar ach so Kluges von sich geben, aber austauschbar sind und es sich auch nicht nehmen lassen werden, morgen wieder was ganz anderes zu verkünden.

Ist das, was wir über die Schrecken des Krieges wissen, so unfruchtbar, dass uns nichts besseres einfällt? Verhindern wir mit diesem Krieg tatsächlich den Terrorismus? Daran glaubt doch eigentlich niemand.

Wir sehen in diesem Film Soldaten, die keine bestialischen Mörder sind, sondern den Eindruck erwecken, dass sie sachlich und aus ihrer Situation heraus objektiv an ihren Einsatz, ihren Auftrag herangehen. Da sagt ein Soldat, dass er sich von der Bevölkerung Respekt für die Leistungen der Soldaten im Einsatz wünschen würde.

Natürlich, dass kann jeder verstehen und wir alle wünschen uns mehr Respekt für das, was wir tun. Dass ein Soldat, der sein Leben für sein Land aufs Spiel setzt, sich dies wünscht, ist sogar in besonderem Maße verständlich, denn er trägt ein besonderes Risiko – nämlich sein Leben zu verlieren.
Aber was ist, wenn dieser Einsatz falsch ist? Hier habe ich nämlich schon wieder ein ganz grundlegendes Problem. Wer sagt uns, dass unser Handeln an dieser Stelle richtig ist? Was ist, wenn wir am falschen Ort sind und Dinge tun, die wir niemals tun sollten? Machen wir dort das Richtige? Da wir uns darüber nicht wirklich klar geworden sind, bin ich mit meinem Respekt auch sehr zurückhaltend. Dass sich derselbe Soldat auch wünscht, dass er und seine Kameraden sich nach dem Einsatz immer noch in die Augen schauen können, drückt vielleicht sogar die Unsicherheit aus, die sich aus diesem Einsatz ergeben könnte und für einige bereits schon ergeben hat.

Erschüttert haben mich die Aussagen eines Vaters, in dessen Brust zwei Seelen schlagen. Auf der einen Seite ist er stolz, dass sein Sohn das alles bei der Bundeswehr so macht und ihm das Spaß macht, andererseits hat er aber auch vor dem Risiko Angst, dass sein Sohn nicht mehr nach Hause kommt.
Hier kann ich nur ganz persönlich reden. Wenn meine beiden Söhne sich einmal entscheiden sollten, zur Bundeswehr zu gehen, werde ich sie daran natürlich nicht hindern können. Aber stolz könnte ich niemals sein, und ich wäre sehr traurig, dass mein Leben mit ihnen nicht ausgereicht hat, um dies zu verhindern. Mir ist aber auch klar, dass man nicht in einer Armee einem Beruf nachgehen kann, der dann nicht irgendwann doch auch mit einem Risiko verbunden sein kann, etwas falsches zu tun oder eben auch das eigene kostbare Leben zu verlieren. Dass man dort sein Leben verlieren und auch durchaus unschuldiges Leben zerstören kann, ist mir doch immer gegenwärtig und kommt nicht erst zutage, wenn mein Sohn sich entscheidet nach Afghanistan zu gehen. Es ist auch hier wieder eine grundsätzliche Frage und fängt nicht erst an mich aufzuwühlen, wenn schon die Wege für bestimmte Handlungen geebnet sind. Soldat sein ist ein Beruf, den man eigentlich ohne sein Gewissen geprüft zu haben nicht ausüben kann. Eltern, die glauben, dass ihre Kinder einem lukrativen, attraktiven und interessanten Job nachgehen und nur diesen Aspekt sehen, laufen mit sehr großen Scheuklappen durch die Welt. Wir können alle irgendwo, irgendwie einem Beruf nachgehen, einen Job machen, das funktioniert ja ganz gut. Ich bin aber der Meinung, dass wir uns auch fragen sollten, ob das, was wir tun, Folgen hat, ob unser Handeln tatsächlich auch unseren Überzeugungen entspricht und nicht unserem Gewissen widerspricht. Im Falle der Bundeswehr habe ich da ganz besonders große Schwierigkeiten, denn dort werde ich ein Befehlsempfänger, der mit harten Sanktionen rechnen muß, wenn er diese Befehle nicht befolgt. Meine Autonomie, meine Handlungen mit meinem Gewissen zu prüfen, werden auf ein Minimum reduziert.

Es ist beruhigend zu wissen, dass jene Soldaten, die in dem Film gezeigt wurden, zumindest noch ein Gewissen zu haben scheinen, und wir wünschen uns für sie und auch für uns, dass sie nach sechs Monaten lebendig und gesund nach Hause kommen und wir ihnen und sie uns immer noch ins Gesicht schauen können.

Christian Mantey

Berlin, 25. April 2010

 


 

Am 26. April 2010 schreibt der Schauspieler und Sprecher Hans-Jörg Große folgenden ergänzenden Kommentar:

Ich kann dir in jeder Hinsicht nur zustimmen, Christian.

In der Tat ist die Suche nach den richtigen Antworten auf die angesprochenen Fragen mitunter quälend.

Umso unverständlicher ist es für mich, wie leicht sich viele Politiker (und nicht nur die) tun, wenn es um Leben und Tod von Menschen geht. Unabhängig vom Standpunkt, den sie vertreten, dürfte man doch wenigstens erwarten, dass sie in einer solchen Angelegenheit um ihre Entscheidung ringen - ungeachtet ihrer Partei- bzw. Fraktionszugehörigkeit. In den Talkshows und Statements bekommt man nicht unbedingt den Eindruck, dass sie schlaflose Nächte haben, in denen sie ihr Gewissen und den Sinn ihrer Entscheidung hinterfragen. Das aber dürfte man doch mindestens erwarten, wenn es um die Beteiligung an einem Krieg geht, sei es auch nur ein umgangssprachlicher...

Es ist zudem auch sehr unredlich gewesen, den Eindruck erwecken zu wollen, als würden die Bundeswehrsoldaten nichts anderes sein müssen als uniformierte Brunnenbauer. Niemand, der sich ernsthaft mit der Problematik auseinandergesetzt hat, konnte glauben, dass dieser Auslandseinsatz dauerhaft friedlich bleiben würde.

Auch ich bin gespalten und musste um eine klare innere Position ringen. Ohne diese Klarheit darf man aber keine Menschenleben in Gefahr bringen und Opfer auf allen Seiten in Kauf nehmen. Ist jedem, der den Afghanistan-Einsatz befürwortet hat und dies noch immer tut, dies wirklich so klar?

Und selbst wenn man der ursprünglichen Argumentation folgen würde, so müssten einem doch spätestens Zweifel kommen, wenn man sieht, dass ein korrupter Präsident den Fortbestand seiner Macht nicht nur dem Schutz ausländischer Truppen, sondern auch einer manipulierten Wahl verdankt. Wenn dieser Präsident, unter dem der Drogenhandel blüht, auch noch laut darüber nachdenkt, sich bei Gelegenheit den Taliban anzuschließen, muss es erlaubt sein, nach dem Sinn der Opfer - jener, die es bereits zu beklagen gibt und jener, auf die wir gegenwärtig vorbereitet werden - zu fragen.

Wieviel Vertrauen an der Weisheit der Verantwortlichen kann man angesichts des beschämenden Eiertanzes um die Vorgänge in Kunduz denn haben?

Und jeder Interessierte kennt die Berichte über die Soldaten, die traumatisiert aus Afghanistan zurückkehrten und nicht die Unterstützung fanden, die sie verdienten. Auch das soll nicht unerwähnt bleiben. Ich hoffe, dass wenigstens in dieser Hinsicht inzwischen besser und sensibler verfahren wird.

Trotz aller Einwände bin ich mir durchaus bewusst, dass die Situation am Hindukusch besorgniserregend und instabil ist, nicht zuletzt wenn man den Blick nicht nur nach Afghanistan wendet, sondern auch nach Pakistan mit seinen Atomwaffen. Ich bin mir nur nicht sicher, ob man mit militärischen Mitteln eine Stabilisierung erreicht oder eher das Gegenteil, und ob am Ende doch alles auf Verhandlungen mit den Taliban, die keine einheitliche Gruppe mehr sind, hinausläuft und man dann nur noch nach einem Ausweg sucht, bei dem jeder sein Gesicht wahrt. Diese Frage ist übrigens nicht rhetorisch, sondern ernsthaft gemeint. Was kommt nach dem Abzug? Und was ist überhaupt das (realistische) Ziel?

Antworten fehlen also auch mir. Doch wir müssen die Fragen laut stellen und brauchen die Antworten bald und sollten sie nicht erst finden, wenn uns eine steigende Zahl an Soldaten, die in Särgen zurückkehren, dazu zwingt.

Hans-Jörg Große

Berlin, 26. April 2010

 


 


 

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